Hochsensible Alltagshilfe
 

Forschung

 

Immer wieder werde ich gefragt, inwieweit das Konstrukt „Hochsensibilität” denn wissenschaftlich fundiert ist.

Daher habe ich mich dazu entschlossen einige Forschungsarbeiten auf meiner Seite zu veröffentlichen.

Bereits in den 1990ern führte Elaine und Arthur Aron mehrere Studien durch, um wissenschaftlich die Existenz von Hochsensibilität als eigenständiges biopsychisches Persönlichkeitsmerkmal nachzuweisen.

Im Folgenden werden ihre und darauf aufbauende Arbeiten vorgestellt.

 

 

Studie 1

Hierbei handelt es sich um eine qualitative Forschungsarbeit mittels qualitativen Interviews.

Ziel war die grundlegenden Charakteristika bei jenen herauszufinden, die sich selber als hochsensibel identifizierten.

Dabei sollten typische hochsensibilitätsrelevante Muster herausgearbeitet werden.

 

Methodisches Vorgehen:

Interviewpartner wurden über den Fachbereich Psychologie und eines Campus-Newsletters der University of California, sowie eines Newsletters einer lokalen Künstler-Vereinigung gefunden.

Dabei wurde immer betont, dass man hochsensible Personen bzw. hoch introvertierte und schnell überstimulierte Personen suche.

Nach einer Auswahl geeigneter Interviewpartner, wurde ihnen mitgeteilt, dass das Interview 2-3 Stunden dauert und dass Fragen zu ihrem Leben, inklusive persönliche Fragen gestellt würden.

Es wurde kein Geld gezahlt um vorzubeugen, dass sich Probanden nur des Geldes wegen melden.

Schließlich wurden 39 Menschen interviewt, wovon 12 Studenten, 17 Männer und 30 Single waren. Das Alter reichte von 18 bis 66 Jahren.

Elaine Aron, selber klinische Psychologin, leitete die Interviews.

Die Interviewtechnik berücksichtigte, dass die Interviewpartner jederzeit das Interview abbrechen konnten, bestimmte Fragen nicht beantworten mussten, auf andere wiederum gezielter eingehen konnten.

Alle Interviews wurden bis zum Schluss durchgeführt, kein Interview musste abgebrochen werden.

Beginnend mit Hintergrundinformationen ging das Interview über in einen allgemeineren Teil, z.B. wurde gefragt, was über die Interview-Anzeige gedacht wurde.

Schließlich ging man über zu bestimmten Bereichen, beginnend mit weniger persönlichen Fragen, wie Lieblingsfilme, bevorzugte Umfelder, hin zu persönlicheren Fragen, wie die Beziehung zu den Eltern, Schulerlebnisse, Beziehungen und religiöse Ansichten.

Anschließend wurden weitere Erhebungen durchgeführt, u.a. der „Myers-Briggs Type Indicator”, kurz MBTI.

 

Ergebnisse:

-  50% haben bereits ernsthaft daran gedacht hochsensibel sein zu können

-  Andere haben sich zum ersten Mal derartig intensiv mit ihrer Sensibilität befasst

-  Bei drei Personen wurde festgestellt, dass sie definitiv nicht hochsensibel sind

Ergebnisse des MBTI (35 Personen)

-  24 waren „introvertiert/ intuitiv”

-    7 „extrovertiert/ intuitiv”

-    4 „introvertiert/sensing”

Ergebnisse des „Attachment Questionnaire” (38 Personen)

-  12 wählten „secure response”

-  15  „avoidant”

-    4 „anxious ambivalent”

-  55 waren unentschieden

-    2 waren unentschieden zwischen avoidant und anxious ambivalent

-   Interviewpartner mit „guter” Kindheit waren beruflich und sozial erfolgreich und sahen viele

    Vorteile in ihrer Sensibilität

-   Auffällig viele  mit „schlechter” Kindheit hatten sich bereits in Therapie begeben, hatten

    Schwierigkeiten Beziehungen  einzugehen, sowie Probleme in Schule und Beruf. Sie waren

    sehr verletzlich, gehemmt und schnell ausgebrannt

-   Mehr als 70% dachten anders zu sein, vor allem in Bezug auf die Tatsache, dass

     - sie vermehrt Auszeiten als andere benötigten und Rückzugstendenzen hatten

     - sie bewusste Vermeidung bezüglich Stimulation und Überraschungen durchführten

     - sie enorme Bedeutung dem Innenleben, inklusive Träume zusprachen

     - sie enorme Angst vor Überreizung hatten, wenn sie observiert wurden, in Wettbewerben

       oder beim Gefühl, sozial bewertet zu werden

Die Erkenntnisse des Interviews führten zu einer Erstellung von Fragebögen, die dann in den Studien 2-7 angewandt wurden.

 

 

Studie 2-4

Diese drei Studien waren auf Studie 1 aufgebaut. Mittels Fragebögen wurden nun Erkenntnisse aus Studie 1 quantitativ weiter verfolgt.

Folgende  Fragen sollten dabei erkundet werden:

1.  Inwieweit die in Studie 1 erkennbaren Muster miteinander korrelierender Themen bestätigt werden können.

2.  Die Beziehung dieser „Kernpunkte” zu sozialer Introversion, Emotionalität und beiden zusammen.

3.  Die Existenz von bedeutsamen Subgruppen an HSP.

4.  Die Beziehung zwischen Familienumfeld und Kindheitserleben im Zusammenhang mit Sensibilität.

 

Methodisches Vorgehen:

An Studie  2 nahmen 319 Studenten, an Studie 3 285 Studenten teil. Studie 2 wurde wieder an der University of California durchgeführt, Studie 3 an sieben weiteren nordamerikanischen Universitäten.

Studie 4 war eine zufallsgesteuerte Telefonumfrage im Santa Cruz County in Kalifornien. Dadurch konnte eine Studie außerhalb der Universität durchgeführt werden.

Insgesamt wurden in Studie 4 299 Menschen im Alter von 18 bis 91 interviewt.

 

Ergebnisse:

-   Hochsensibilität ist ein eindimensionales Konstrukt

-   HS ist nicht identisch mit sozialer Introversion, Emotionalität oder einer Kombination beider

-   Es gibt zwei unterscheidbare Untergruppen HSP

-   eine kleine Gruppe mit einer unglücklichen Kindheit und in Relation stehenden Ausprägungen

-   eine größere Gruppe mit einer glücklichen Kindheit, die sich in Ausprägung bis auf Sensibilität

    nicht stark von Nicht-HSP unterscheidet

Ein weiteres Ergebnis der Studien war die Herausarbeitung der „Highly Sensitive Person Scale”, einem Messinstrument zur Feststellung von Hochsensibilität.

Von diesen Ergebnissen ermutigt begab sich Aron an weitere, fortführende und vertiefende Studien zu Hochsensibilität, diesmal mit einem Augenmerk auf die beiden festgestellten Untergruppen, was zur Erforschung der Kindheit HSP und zur Beziehung zwischen Schüchternheit und Hochsensibilität führte.

 

 

Studie 5

Methodisches Vorgehen:

Diesmal nahmen 96 Studenten der University of New York teil.

Mittels der „Highly Sensitive Person Scale” wurde die Hochsensibilität gemessen. Dadurch konnten 61 Personen als nicht-hochsensibel und 35 als hochsensibel identifiziert werden.

Schüchternheit wurde mit dem „Cheek and Buss Shyness Scale” gemessen.

Das elterliche Umfeld in der Kindheit wurde mit dem „Six-Item Measure” erfasst, das Aron und Aron bereits 1997 nutzten.

„Negative Affectivity” wurde mit einem „Three-Item Measure” von 1997 erfasst.

Schließlich wurde noch mittels zwei Fragen soziale Introversion erfasst.

 

Ergebnisse:

Es besteht eine Beziehung zwischen Hochsensibilität und Schüchternheit in dem Sinn, das HSP in ungünstigem Umfeld während der Kindheit Schüchternheit zunehmend entwickeln, während dies bei Nicht-HSP nicht der Fall ist.

Je negativer das elterliche Umfeld war, umso negativer war die Affektivität. Bei HSP war das Ausmaß dabei von Anfang an wesentlich höher und stärker.

 

 

Studien 6-8

In diesen Studien wurden eventuelle Verfälschungen aus Studie 5 korrigiert bzw. die Verlässlichkeit erhöht.

 

Ergebnis:

Alle 4 Studien (hier 5-8) konnten die Hypothese eines Zusammenhangs von Hochsensibilität und Schüchternheit im Erwachsenenalter bestätigen.

Im positiven elterlichen Umfeld ist Schüchternheit und negative Affektivität bei HSP sogar geringer ausgeprägt, je schwieriger das Umfeld jedoch wird, desto mehr sind HSP davon relativ stärker betroffen, so dass im negativen Extrem Schüchternheit und negative Affektivität bei HSP wesentlich höher ausgeprägt ist, als bei Nicht-HSP.

Hochsensibilität und elterliches Umfeld sind also in jeweiliger Kombination besonders günstig oder besonders ungünstig für die Ausprägung von Schüchternheit und negative Affektivität bei HSP.

Das erzieherische Umfeld, in welchem HSP aufwachsen, beeinflusst diese also umso stärker, negativ gesprochen sind bei ungünstigen Bedingungen die Wahrscheinlichkeiten psychische, emotionale und soziale Probleme zu entwickeln relativ höher.

Ausgehend von den Ergebnissen Arons gab es in den letzten Jahren eine Zahl von weiteren Studien, die sich mit Hochsensibilität befassten.

 

 

Studie 9

2005 führten Liss, Timmel, Baxley und Killingsworth an der University of Mary Washington eine Studie über die Beziehung von Hochsensibilität und deren Beziehung zu elterlichen Bindungsverhalten, Angst und Depression durch.

 

Methode:

213 Studenten füllten folgende Erhebungsintrumente aus:

-  HSPS (Highly Sensitive Person Scale)

-  PBI (Parental Bonding Instrument)

-  BDI (Beck Depression Inventory)

-  STAI-2 (State Trait Anxiety Inventory)

 

Ergebnisse:

Ein niedriges Maß an elterlicher Fürsorge korreliert stark mit starker Depression und ein größeres Maß an Over-Protection mit erhöhter Angst.

Im Gegensatz zu Aron kam man hier zu dem Schluss, dass HSP grundsätzlich zu mehr Depressionen und Ängsten neigen, unabhängig von der Art des Umfelds.

Es wurde auch die These erstellt, dass HSP negativ auf geringe Fürsorge reagieren, jedoch weniger negativ auf Over-Protection, da diese wie ein Puffer zu externen Reizen fungiere.

 

 

Studie 10

In Studie von Smolewska, McCabe und Woody wurde die HSPS untersucht und ihre Beziehung zu den BIS/BAS, sowie zu den Big Five.

 

Methodisches Vorgehen:

851 Studenten der University of Waterloo nahmen daran teil.

 

Ergebnisse:

Im Gegensatz zu Aron & Aron schlug man eine Drei-Faktor-Struktur für den HSPS vor, bestehend aus

-  Ease of Excitation (EOE)

-  Aesthetic Sensitivity (AES)

-  Low Sensory Threshold (LST)

die untereinander stark interkorrelieren, was wiederum den Schluss zuließe, einem übergeordnetem Konstrukt der Hochsensibilität anzugehören.

Die drei Komponenten korrelieren unterschiedlich stark mit den „Big Five”

 

Hochsensibilität und die „Big Five”

-  Die Faktoren der HSPS sind nicht mit Neurotizismus gleich zu setzen.

-  Hochsensibilität scheint sich von Extraversion zu unterscheiden.

-  Offenheit und Hochsensibilität korrelieren leicht.

 

Und nun zum Fisch…

In neueren Arbeiten der Verhaltensforschung wurde ersichtlich, dass es innerhalb derselben Spezies bei gleichen Umweltbedingungen dennoch Variationen oder Typen von Verhalten gibt.

Dabei hat jede Variante ihre Vor- und Nachteile.

 

Der Kürbiskernbarsch

Bei dieser Fischart fand David Sloan Wilson heraus, dass ein größerer Teil der Population ein Verhalten zeigt, dass schnell und neugierig zu einer Fressfalle schwamm, während ein wesentlich kleinerer Teil zögerte und die Situation zunächst beobachtete. Die zweite abwartende Variation des Fisches war weniger angriffslustig und schreckhafter (Wilson et al 1993).

Die beiden unterschiedlichen Verhaltensweisen scheinen die biologisch erfolgreichen Varianten an Überlebensstrategien zu sein, nämlich

-  die Mehrheit mit offensiver und dadurch ertragsreichen Strategie

-  und eine Minderheit, die observiert und sicher geht.

Diese 2 Verhaltensstile wurden bei zahlreichen Spezies gefunden, u.a. bei

-  Primaten (Higley & Suomi 1989)

-  Ratten (Blanchard, Flannelly & Blanchard 1986)

-  Ziegen (Lyons, Price & Moberg 1988).

Biologen identifizierten diese zwei Typen mittlerweile bei über 100 Spezies.

Eine Theorie dahinter ist, dass die Evolution zwei Typen, einen responsiven und einen unresponsiven Typen hervor gebracht hat, wobei sich der „responsive Typ” in seiner Empfänglichkeit auszeichnet. Er ist mit dem hochsensiblen Typ gleich zu setzen (Wolf et al. 2008).

 

 

Quellen

 

Aron, E. & Aron, A. (1997): Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of Personality and Social Psychology, 73, 345-368.

 

Blanchard, R. J., Flannelly, K. J. & Blanchard, D. C. (1986): Defensive behaviours of laboratory and wild Rattus norvegicus. Journal of Comparative Psychology, 100, 101-107.

 

Higley, J. D. & Suomi, S. J. (1989): Temperamental reactivity in non-human primates. In G. A. Kohnstamm, J. E. Bates & M. K. Rothbart (Eds.), Temperament in childhood (pp. 153-167), Chichester.

 

Lyons, D. M., Price, E. O. & Moberg, G. P. (1988): Individual differences in temperament of domestic dairy goats. Constancy and change. Animal Behaviour, 36, 1323-1333.

 

Liss, M., Timmel, L. Baxley, K. & Killingsworth, P. (2005): Sensory processing sensitivity and its relation to parental bonding, anxiety and depression. Personality and individual Differences, 39, 1429-1439.

 

Smolewska, K. A., Mccabe, S. B. & Woody, E. Z. (2006): A psychometric evaluation of the highly sensitive person scale: The components of sensory-processing sensitivity and their relation to the BIS/BAS and “big five.” Personality and Individual Differences, 40, 1269-1279.

 

Wilson, D. S., Coleman, K., Clark, A. B. & Biederman, L. (1993): Shy-bold continuum in pumpkinseed sunfish (Lepomis gibbosus): An ecological study of a psychological trait. Journal of Comparative Psychology, 107, 250-260.

 

Wolf, M., van Doorn, S. & Weissing, F. J. (2008): Evolutionary emergence of responsive and unresponsive personalities. Proceedings of the National Academy of Science, 105(41), 15825-15830.